Lebendiges Wasser - Juli 2026
Liebe Leserin,
lieber Leser,
es gibt Orte, an denen wird einem ganz besonders bewusst, dass Veränderung zum Wesen der Natur gehört.
Einen dieser Orte habe ich vor wenigen Tagen für mich entdeckt und möchte Dir gern davon berichten. Wie kam es zu dieser Entdeckung? Mitte Juni führten Hermann Sonntag und ich im Naturparkhaus Tiroler Lech unsere Multivisionsshow über Moore auf. Zeitgleich erhielt ich den Auftrag vom WWF Österreich, den Namlosbach und Tiroler Lech fotografisch für ihre Kampagnenarbeit zu fotografieren. Eine wunderbare Gelegenheit, beides zu verbinden und so folgte im Anschluss an die Veranstaltung im Naturparkhaus Tiroler Lech, eine ganz persönliche Erkundung der Region. Genau genommen des sogenannten “Letzten Wilden” Flusses in Tirol und einiger seiner zuführenden Bäche.
An dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank an Nora und Ihr Team vom Naturparkhaus Tiroler Lech, sowie dem Haus der Begegnung (Innsbruck) und natürlich all den Interessierten und begeisterten BesucherInnen der Veranstaltung. Es war ein sehr schöner und spannender Abend!
Direkt am Morgen nach der Aufführung der Multivisionsshow ging es los. Bereits jetzt konnte man große Mittagshitze erahnen und ich startete kurz vor der Ortschaft Namlos und erkundete mit schwerer Ausrüstung den zugehörigen Gebirgsbach. Kein Scherz - Ort und Bach haben diesen Namen.
Der Namlosbach ist übrigens ein wichtiger Zufluss des Tiroler Lech und mündet bei Stanzach in diesen.
Da ich weiterhin aus Überzeugung auf Drohnen verzichte, ist es natürlich deutlich schwieriger, geeignete Fotostandpunkte an einem so wilden und unzugänglichen Bachlauf zu finden. Denn der Bach schlängelt sich wunderschön durch eine wilde und tiefe Schlucht. Dass sich entlang des schmalen Jägersteiges, den ich für die Erkundung nutzte, besonders viele Zecken aufhielten, überraschte mich nicht. Kein Wunder - feuchtwarme Waldränder und hohe Vegetation sind schließlich ihre Lieblingslebensräume und bei jedem kurzen Stopp für die Motivsuche, konnte ich auf der langen, dichten Hose, ein paar Exemplare entdecken. Doch zum Glück fand ich sie alle noch bevor sie sich an mir labten. Auch ein paar einzelne fotografische Impressionen hielt ich fest, aber nicht was ich suchte. Viele Stunden verbrachte ich auf dem Steig und ging ihn zweimal komplett ab, mit einigen Abstechern zur Klamm. Doch kein wirklich gut geeigneter Aussichtspunkt war zu finden und am frühen Nachmittag kam ich Schweiß-getränkt wieder an der kleinen Hängebrücke am Bach und dem nahen Parkplatz an.
Nach einer kurzen Pause, ging es gleich wieder los und ein paar Impressionen vom Rand der Klamm entstanden. Inzwischen wurde es immer schwüler, dichte Wolken zogen auf und man konnte bereits ein fernes Grollen hören. Nichts wie zurück zum Parkplatz. Dankbar genoss ich einen Kaffee, während schwerer Regen auf das Autodach trommelte und Blitze am Himmel zuckten.
Gestärkt studierte ich erneut die alte Wanderkarte und parallel eine App. Da - kaum zu erkennen - ein kleiner Vorsprung und ein ehemaliger Steig, dass könnte mein Platz sein. Die Ausrichtung im Bachbett könnte hervorragend für ein wunderbares Abendlicht passen… Auch wenn es immer noch aus Kübeln regnete und dazu harte Donnerschläge das Tal beutelten - schnell packte ich wieder alles zusammen. Volle Akkus, Regenzeug und los ging es. Noch während ich die 5 km bis zum oberhalb des vermuteten Platz fuhr, lichtete sich der Himmel. Sonnenlicht zeigte sich am benachbarten Grat und ich war mir sicher - es muss ein Regenbogen kommen.
Eine Vollbremsung auf der nassen Straße zeigte mir deutlich, warum es wichtig ist in gute Reifen zu investieren. Zum Glück war sie nur nötig, weil ich den Parkplatz in froher Erwartung einer tollen Stimmung etwas zu schnell anvisiert hatte und das Auto stand nun sicher auf dem Parkplatz. Schon rannte bzw. schlitterte ich den steilen Abhang gen Bach hinunter. Der Regen ließ nach und durch die Bäume konnte ich für wenige Sekunden einen wunderbaren Regenbogen in der erwarteten Richtung erkennen.
So schnell wie er kam, war er auch wieder weg. Das Schauspiel hatte nur wenige Sekunden angehalten und als ich mit Klettern, Schlittern und Rutschen, endlich den erhofften Aussichtspunkt gefunden hatte, war die Lichtstimmung bereits vorbei, dichte Wolken drängten sich am Himmel und eine Wasser-Schlamm-Lawine wälzte sich im Bachbett gen Lechtal.
Innerhalb weniger Minuten hatte sich der so schön schimmernde Gebirgsbach vollständig verändert. Solche Hochwasser nach Starkregen transportieren enorme Mengen an Sediment, sowie das für viele Lebewesen so wichtige Totholz und auch Geröll talwärts. Das ist ein wichtiger natürlicher Prozess. Eine Dynamik die nicht nur Flussläufe formt, sondern Kiesbänke entstehen lässt und Lebensräume ständig neu erschafft. Gedankenverloren zupfte ich eine kräftige und ziemlich schnell krabbelnde Zecke vom Hosenbein. So ist es in der Natur und das gehört einfach dazu.
Steigender Pegel am Namlosbach
Diesmal wollte sich mir der Namlosbach wohl von seiner wilden Seite zeigen und als es wieder anfing zu regnen, machte ich mich auf den Rückweg. Selbst am folgenden Abend, war der Bach immer noch braun und reißend. Dabei musste ich an all die Kleinstlebewesen wie zum Beispiel Stein-, Eintags- und Köcherfliegenlarven denken, die zwischen den Steinen leben und solche Hochwasser immer wieder überstehen müssen. Aber auch Bachforellen, Koppen und andere Arten, die erstaunlich gut an diese Wildheit angepasst sind. Sie alle haben verschiedene Strategien - manche klammern sich fest, andere suchen tief im Kieslückensystem des Bachbettes Schutz und manche krabbeln bei normalem Wasser, einfach wieder Bachaufwärts.
Spätestens an diesem Abend wurde mir wieder bewusst, wie wichtig solche wilden Bäche sind. Gerade weil sie sich ständig verändern, erfüllen sie Aufgaben die kein begradigter Bach übernehmen kann.
Auch der Oberlauf des Tiroler Lech ist ein sehr schönes und für uns Menschen nützliches Naturparadies. Da es weiterhin regnete, nutzte ich die Gelegenheit, mir das Braunwasser-Schauspiel auch hier anzusehen und weitere Plätze zu erkunden. Ein paar Impressionen vom kommenden Morgenlicht folgen und auch das Bild des Monats ist in diesem Zuge entstanden.
Vielleicht sind dir bei den Landschaftsaufnahmen auch ein paar besondere Blüten aufgefallen?
Zum Beispiel vom Fliegen-Ragwurz? 7
Alles steht in ökologischem Zusammenhang und Wildbäche prägen nicht nur ihr eigenes Bachbett, sondern beeinflussen auch die angrenzenden Lebensräume. Entlang ihrer Ufer entstehen ganz besondere Standortbedingungen. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind darauf angewiesen oder bevorzugen sie zumindest. Ein ganz eigenes Biotop stellen zum Beispiel die ufernahen Bergkieferwälder dar. In einem dieser lichten Wälder, direkt zwischen Bach und Wegesrand, entdeckte ich eine kleine Stelle, auf welcher schon alleine vier verschiedene Orchideenarten mit über dreißig Individuen wuchsen.
Winzige Fliegen-Ragwurzblüte
Je mehr Zeit ich an solchen Orten verbringe, desto bewusster wird mir, wie privilegiert wir hier im Alpenraum sind. Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil meiner Motivation, Organisationen wie den WWF und unsere Naturparke fotografisch zu unterstützen. Damit diese besonderen Landschaften und ihre Dynamik, ebenso wie die Tiere und Pflanzen, erhalten bleiben.
Alpensalamander am Wildbach
Ich wünsche Dir einen schönen Juli/August!